Enrico und das Tanzen
 – Kurzgeschichte

Part 1 – El Salsero

Glücklich war ich nicht, ich war sogar am Boden zerstört, dass ich alle meine Freunde, alles was ich 14 Jahre erlebt habe und mir als meine kleine glückliche Welt aufgebaut habe, hinter mir lassen muss, nur um eine bessere Zukunft zu erhoffen: Ganz schön viel, um alles auf eine Karte zu setzen, dachte ich mir damals.

Rebeka hörte zu und nickte ab und zu, um mir zu zeigen, dass sie meine Geschichte verfolgte.

Heute, 13 Jahre später, schwanke ich von Zeit zu Zeit zwischen Dankbarkeit und melancholischen Erinnerungen und mit der philosophischen Frage spiele „was wäre wenn“.

Aber was wurde aus Deinen Träumen und Wünschen, fragte sie.
Nach einer Zeit mit Gelegenheitsjobs beschloss ich meinem Herz zu folgen, Ich würde bestimmt ein super Event Veranstalter abgeben, sagte ich mir, jedoch Hip-Hop/House oder gar Techno sollte es auf keinen Fall werden, da ich aus Kolumbien komme und dort früh mit Salsa, Merengue und Bachata in Kontakt kam, war die Auswahl schnell getroffen.

In Kolumbien wohnte ich als kleines Kind von Zeit zu Zeit über eine „salsateca“, die meinem Onkel Tito gehörte. Er erlaubte mir manchmal bei den Tanzkursen vor der eigentlichen Party teilzunehmen und ich war als 8-jähriger Neffe immer das Maskottchen, wenn ich mal da war.

Als kleines Kind erlebte ich oftmals wie Menschen sich über alles Mögliche freuten und lachten. Unser Ort war gesegnet mit Menschen, die trotz Armut, Elend und ein schweres Leben über alles Freude empfinden konnten, doch die Menschen, die diese Tanzkurse besuchten, lachten und waren anders glücklich. Sie schienen geradezu leuchten, wenn sie am Tanzen lachten, flirteten ohne anzüglich zu sein, oder sinnliche Bewegungen machten ohne es vulgär aussehen zu lassen. Trotz das Klischee was Latino Tänze haben, ging es dieser kleinen Gruppe von Menschen offensichtlich hauptsächlich ums Tanzen.
Damit wurde ein Samen gesät was viel, viel später Früchte tragen sollte.

Rebekas Blick war unbezahlbar, es war undenkbar für eine deutsche Frau, sich vorstellen zu können, wie ein kleines Kind um 21/22 Uhr, manchmal gar bis 23 Uhr in einem Club sich frei bewegen konnte, ohne dass das Jungendamt, die Polizei oder sonst irgendeine Instanz den Tanzschuppen dichtmachen würde. Rebeka hakte nach: „Du warst 8 Jahre jung und konntest manchmal bis 23 Uhr im Club tanzen???“

Ich nickte belustigt und fragte: „Soll ich nun weitererzählen oder nicht? Schließlich wolltest Du alles darüber wissen, wie ich zum Tanzlehrer wurde.“
Obwohl sie noch leicht irritiert war, galt ihr größeres Interesse meiner Geschichte.                  „Jaaa, ist ja gut, fahre fort“, sagte sie und legte ihre Ellenbogen auf den Tisch um mit ihrer Hand ihren Kopf zu stützen.

Sie saß da wie eine Skulptur, wunderhübsch und zeitlos zugleich. Sie kam aus einer sehr reichen Familie. Und sie war klug, reich und hübsch.

Als diese Entscheidung feststand, war ich mir gar nicht bewusst wie anders in Deutschland, das mit den Kursen, Partys und Community funktionierte.

Hier ist alles wie eine Sekte. „Eine Sekte?“ fragte Rebeka erschrocken. „Ja“, sagte ich. „Wenn du einen Club betrittst, siehst Du im Raum verteilt, kleinere Gruppen. Sobald du dich in verschiedenen Gruppen bekannt machst, erfährst du, dass jeder in der Gruppe einer kleinen Tanzschule gehört bzw. Tanzlehrer ist. Dies hat zur Folge, dass sie nur mit diesen Leuten tanzen, was mir bis dahin auch unbekannt war. Unter anderem hat das damit zu tun, dass es sehr unterschiedliche Tanztechniken in verschiedenen Salsa und Bachata Stile gibt. In Kolumbien im kleinen Club meines Onkels tanzten alle gleich Bachata und Salsa, und erst in Deutschland erfuhr ich über diese verschiedenen Stile.“ Rebeka mochte es sehr, wenn er in seine Welt eintauchte und ihr davon erzählte.

Er wurde zu einem alten weisen Geschichtenerzähler. Sie konnte nicht wirklich wissen, was real und was erfunden war. Am Anfang machte ihr es Angst, bis sie eines Tages verstand, dass sie alleine die Macht hatte entweder zu vertrauen oder eben nicht. Sie würde alles geben, um alles stehen zu lassen und auch Tanzlehrerin zu werden, aber die Angst und der Zwang nach Sicherheit machte es ihr unmöglich, einen Weg zu sehen, geschweige sich auf die Suche nach Möglichkeiten zu begeben.

Er machte eine Denkpause, trank seinen Milchkaffee. Sie war jedes Mal überrascht wieso ein bewusster, gesundlebender Mensch 3 kleinen Löffeln Zucker in so eine kleine Tasse schaufeln konnte.

Er fuhr fort: „So wurde aus meinen Träumen mit Tanzen, Partys und meiner Kultur doch noch was.
Aber weiß du was, der entscheidendste Wendepunkt in meinem Leben habe ich dir noch gar nicht erzählt.“

„Wie“, fragte sie? „Ich dachte, es war damals als 8-Jährige in der Salsoteca deines Onkels…“

Er lächelte und dachte ohne was zu sagen, wie süß sie ist, wenn sie Spanische Wörter mit ihrem deutschen Akzent nachspricht, und sie wurde immer leicht böse, wenn sie bemerkte, er lächelte über sie. Er bemerkte ihre ernste Miene und sagte:

“Ist nichts schlimmes, ich liebe es, wenn du spanische Wörter sprichst.“

Ihre ernste Miene wurde zu einem schüchternen Blick.

„Okay jetzt konzentriere dich“, sagte sie und dachte: „Wenn er mich so verliebt anschaut, weiß ich gar nicht was ich machen soll, am liebsten würde ich ihn drücken und küssen aber so oft er das tut, würde ich nur damit beschäftig sein. Jetzt konzentriere du dich!“, sagte sie zu sich selbst und schaute ihn erwartungsvoll an.

„ALSO….“, wiederholte sie ernst, „ … wo, wie, was, war der Wendepunkt?“

„Na gut, ich merkte sehr früh, dass ich alles machen kann was ich will, wenn ich es nur will, und zwar ohne ein Bildungsweg zu gehen. Ich habe PC Nachhilfe an Lehrer gegeben, wo die PCs im kommen waren, habe Websites für andere programmiert, habe Telefonmarketing betrieben, war als Verkäufer tätig in PC Läden um dann letztendlich ohne ein Studium als Informatiker zu arbeiten. Nach vielen Jahren, 5 oder 6 Jahre waren es, glaube ich, und viele coole Jobs, gründete ich meine eigene Business neben dem Beruf, die erste Suchmaschine weltweit für Clubs, Bars und Restaurants. Als ich aber keine seelische Befriedigung darin fand, auch nicht obwohl ich damit viel reisen und Spaß haben konnte, merkte ich sehr schnell, dass ich nach der Arbeit nicht müde sondern mit Energie und glücklich sein wollte.

Es war Sommer und ich war für die Firma unterwegs, da besuchte ich mehrere Latino Clubs und blieb in einem stecken, weil mich da alles an meine Kindheit erinnert hat.
 Ich war wieder 8 und konnte alles wie damals spüren. Dazu kam, dass ein Mädchen mich zum Tanzen aufforderte, und ich so tanzte, wie ich wollte, und sie mega glücklich mich anlachte und sagte:

„Du bist der beste Tänzer im Raum.“

Ich nahm an, dass sie Spaß machte, weil ich mich dabei umsah und jeder Deutsche viel mehr Figuren oder viel mehr Techniken kannte als ich „Latino“.

Doch eine der vielen Sachen, die mich das Leben lehrte ist: Nehme jede Begegnung mit deiner ganzen Seele wahr und du wirst „die Magie des Augenblicks“ erfahren.
 So nahm ich diese Situation für ein Zeichen, ein Symbol für etwas was ich noch nicht verstehen, sehen oder erahnen konnte.

 Das war der Wendepunkt in meinem Leben, ein Ort wie jeder andere, die ich schon mal besucht habe, eine Person, die mit mir tanzte wie auch schon sehr oft, und ein Satz, der so ähnlich schon mal gefallen war, doch an diesem Tag, aus welche Gründe nur meine Seele verstehen wusste, hat alles nur zusammen eine Bedeutung gehabt.“

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